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Alle Leute die an seinem Abteil im Zug vorbeigingen sahen einen jungen Mann, der seinen Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt hatte. Sie gingen leise vorbei, um ihn nicht zu stören, denn sie alle waren sicher, dass er schlief. Aber er schlief nicht, seine Augen waren geöffnet und er schaute starr aus dem Fenster, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Landschaft zog an seiner Scheibe vorbei und doch schien er gar nicht zu bemerken, dass sich etwas regte. Oder starrte er gar nur auf das Glas, das ihn von der Freiheit trennte? Glas, das mit einer Staubschicht bedeckt war und an einigen Stellen mit Edding angemalt worden war. Seine schlanken Hände waren fest um einen Kugelschreiber geschlossen und auf seinem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch. Die Seiten waren leer, vollkommen unbeschrieben aber wenn er zurückgeblättert hätte, wäre er in seine Vergangenheit gelangt. Er hätte die letzten Jahre seines Lebens in seiner Erinnerung noch einmal erleben können, denn das Buch auf seinem Schoß war sein Tagebuch. Die braunen, kinnlangen Haare fielen ihm in dünnen Strähnen ins Gesicht und kitzelten seine Augenpartie. Dennoch machte er keine Anstalten sie wegzustreichen und es schien, als würde er das Kitzeln gar nicht fühlen? Fühlte er überhaupt? Sein Mund zog eine gerade Linie durch sein Gesicht, die nicht mal annähernde Ähnlichkeiten mit einem Lächeln aufwies und trotzdem war er hübsch. Nicht makellos, aber hübsch. Die kleine Narbe an seinem Kinn entstellte ihn keines Wegs, viel mehr machte sie ihn zusammen mit dem Piercing in seiner Unterlippe zu etwas Besonderem, Einzigartigem.

Geddankenverloren spielte er mit dem Kugelschreiber in seiner Hand, drehte ihn zwischen den Fingern und formulierte in Gedanken den Eintrag, den er an diesem Tag machen wollte. Anfangs waren seine Gedanken wirr und sinnlos aber es dauerte nicht allzu lange, bis sie klare Formen annahmen, bis er wusste, was er schreiben würde:

"Es ist noch nicht allzu lange her, da hätte man keine Unterschiede zwischen uns entdecken können. Wir gleichten einander wie ein Ei dem anderen aber umso unterschiedlicher waren schon immer unsere Charakterzüge gewesen. Jaron war bereits als Kind sehr aufgeweckt und ein wenig hyperaktiv und es war kein Wunder, dass Ich, sein ruhiger Zwillingsbruder in seinem Schatten unterging. Niemals bin ich aufgefallen, niemals kam ich von einer Prügelei verletzt nach Hause und niemals habt ihr wegen mir Ärger mit der Schule bekommen. Jemand der keinen Ärger macht fällt nunmal nicht auf.

Erst später haben er und ich uns wenigstens äußerlich auseinander gelebtt.. Langsam schien ich meine eigene Persönlichkeit entwickeln zu können. Ich weiß noch nichtmal ob euch aufgefallen ist, dass ich mir die Haare gefärbt habe und dass meine Lippe nun gepierct ist. Ich habe keine Ahnung, ob ihr das bemerkt habt aber ich wüsste es gerne.. Das einzige Foto von ihm und mir, das ich besitze verbleicht an meiner Wand. Da sahen wir uns noch so ähnlich und niemand hätte anhand dieses Bildes erraten können, wie verschieden wir sind. Nun ist er fortgegangen um Karriere als Musiker zu machen und obwohl er euch verlassen hat, obwohl er euch alle einfach alleine gelassen hat existiert immer noch nur er für euch. Natürlich sollte ich mich für ihn freuen, aber ich kann nicht, denn ich existiere nicht. Es scheint so, als hätte er für euch niemals einen Zwillingsbruder gehabt. Manchen Leuten stirbt die Liebe, Anderen bricht vielleicht das Herz. Ich habe das Gefühl, dass ich weiß wie beides sich anfühlt und ich behüte diesen Schmerz weil ich nichts anderes fühlen kann.. Auch Jaron war mal ein Niemand, und doch war er für euch immer etwas besonderes. Warum seht ihr nicht wie weh ihr mir tut? Habe ich nicht genau wie er ein Recht darauf, zu leben? Jaron ist für euch der Größte, ich wünschte er wäre klein.. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, in seiner Haut zu stecken? Ich weiß es nicht, ich habe aufgehört die Tage zu zählen, in denen ich nicht mehr Ich sein wollte. Ich sollte meinen Zwillingsbruder nicht hassen, ich habe kein Recht dazu aber dennoch tue ich es. Ich hasse ihn für das, was er ist und was ich niemals sein kann.. Niemals sein werde! Er nimmt mir den Wind aus den Segeln ohne auch darüber nachzudenken, er nimmt mir die Kraft und machte mir unterbewusst immer und immer wieder Mut, etwas großes zu tun.. Etwas, das ihr alle gar nicht übersehen könnt! Er ist Ich wenn er vor euch steht, denn eigentlich sind wir gleich. Warum also liebt ihr nur ihn? Ihr habt keine Ahnung was ihr mir antut, denn ihr kennt mich nicht.

>>Endstation Eden, mein Zug er endet hier.. Endstation Eden ich bin nicht mehr bei dir... Endstation Eden, mein Zug er endet hier... Endstation Eden, Heute Nacht sterben wir...<<"

Der Stift huschte über die Seiten, ohne dass er seinen Blick darauf senkte. Er schrieb alles auf, was er sich zuvor in seinem Kopf zurecht gelegt hatte. Immernoch starrte er aus dem Fenster und beobachtete, wie sich die Schwärze der Nacht über die Erde senkte. Seine rechte Hand wanderte in die Hosentasche und schloss sich um eine kleine, weiße Tablette, die er sich dann in den Mund schob. Seine Augen beobachteten dabei wachsam, wie sich eine Wolke vor den Mond schob..

Alle Leute die an seinem Abteil im Zug vorbeigingen sahen einen jungen Mann, der seinen Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt hatte und dessen Augen geschlossen waren, einen Jungen Mann, der wohl schlief. Aber der junge Mann war tot....




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